Unterschiede zwischen der deutschen und chinesischen Sterbekultur

Bochao Fu kommt aus Zhangjiakou in China und war erstmals 2015 in Deutschland. Er ist 24 Jahre alt und studiert seit April 2016 Sozialwissenschaften mit Schwerpunkt Interkulturelle Beziehungen an der Hochschule Fulda. Für zwei Wochen hat er ein Praktikum bei der Deutschen PalliativStiftung absolviert und aus seiner Sicht geschildert, wie sich die Sterbekultur in China von der in Deutschland unterscheidet.

Bochao Fu / Foto: DPS

Mufasa: Simba, let me tell you something that my father told me. Look at the stars. The great kings of the past look down on us from those stars.

Die verstorbenen Verwandten werden ein Stern sein – dieser Satz hat seit der Kindheit mein Denken stark geprägt. Als ich das deutsche Wort „sterben“ lernte, verwechselte ich es oft mit „streben“. Dann fiel mir ein Satz ein und erleuchtete mich: „Die verstorbenen Verwandten werden ein Stern sein“. Sterben ist, wie ein Stern zu werden. Obwohl es nicht die richtige Herkunft dieses Wortes ist, scheint es mir als Deutschlernender schon sinnvoll zu sein, um das Deutsche besser verstehen und sich merken zu können. Aber was der Tod wirklich ist, versteht man nur, wenn man seine Verwandten oder besten Freunde aus der materialistisch geprägten Welt verloren hat.

Tod und Sterben gehören zu den großen Rätseln und Herausforderungen in unserem Leben. Es gibt auch viele Ansichten, wie man über den Tod denkt, die von Philosophen, Künstlern, Autoren, Wissenschaftlern und Religionsstiftern aus verschiedenen Ländern aller Zeiten erfasst worden sind. Als Wanderer an dem Rand unterschiedlicher Kulturen habe ich immer das Bewusstsein dafür, die Unterschiede zwischen orientalischen und abendländischen Traditionen und Gedanken zu vergleichen.

Seit antiker Zeit sprach Sokrates schon mit seinem Schüler Platon über den Tod. Er beantwortet die zentrale Frage „was ist Tod denn überhaupt?“ im Dialog: „Doch wohl nichts anderes, als die Trennung der Seele vom Körper?“ Sokrates zeigt gerade an seinem Todestag Konsequenz in seinem philosophischen Denken: Er setzt seinen Tod als Symbol, als Endprodukt seines ganzen philosophischen Lebens.

Es bestand aus der Vorbereitung auf den Tod durch die Reinigung der Seele, dem Einüben der Lösung der Seele vom Körper und der bewussten Einübung des Todes. Trotzdem ist sein Leben kein „Sein zum Tode“, sondern ein „Sein zum Leben“, das „das Leben nicht vom Tod, sondern den Tod vom Leben her versteht“. Er hat Zeit seines Lebens auf das Leben mit gereinigter Seele und reiner Tugend nach dem Tode gehofft.

Somit ist „das Nachdenken über den Tod nichts anderes als ein Nachdenken über die Wahrheit und über das Sein des Menschen“. Philosophieren heißt Sterben lernen. Laut Platon ist der Tod nicht das Ende. Der Mensch befindet sich in einem Kreislauf des Lebens und Sterbens, seine Seele begibt sich nach dem Tod auf den Weg in ein weiteres Leben. Der Tod ist nicht nur das Ende des Lebens, sondern auch ein Beginn.

Es ist auffällig, dass obwohl die westlichen und östlichen Philosophen verschiedene Weltanschauungen und Ideen vertreten und die unterschiedlichen Antworten auf die Rätsel des Sterbens gegeben haben, stimmen sie doch bei dessen Wichtigkeit im Diskurs der Philosophie überein.

Die chinesische Ansicht ist seit langer Zeit von zwei entgegensetzten Gedanke beeinflusst worden, nämlich vom Konfuzianismus und vom Daoismus. Im Gegensatz zum Daoismus strebt der Konfuzianismus nach moralischen Kategorien. Die Konfuzianer kümmern sich um den Tod unter allen Aspekten der Ritualität, wobei es wichtig ist, dass die Bestattungsrituale auch weltliche bzw. moralische Bedeutung besitzen: Es gilt vor allem, die Trauer zum Ausdruck zu bringen und weniger die unsichtbaren Geister und Seelen im Jenseits zufrieden zu stellen.

Schließlich gibt es noch die moralische Dimension der konfuzianischen Einstellung zum Tod: die Weisheit und Wahrheit zu wollen. „Wer am Morgen den rechten Weg erkannt hat, könnte am Abend getrost sterben“.

Wie beim Konfuzianismus ist die Akzeptanz des Todes und ein Desinteresse am Leben nach dem Tod dem daoistischen Denken gleich. Jedoch zeigt sich im Daoismus die Philosophie über den Tod als befreiende Dimension.

Zhuangzi, ein chinesischer Philosoph und Dichter, schlug die Trommel und sang die Lieder bei dem Tod seiner Frau, drückte aber keine Trauer in anderer Weise aus. Dafür hat er Gründe: Alles unter dem Himmel hat seine Zeit. Leben und Tod sind nur Teile des großen Gesamtwerks von Himmel und Erde: „Der Meister kam in diese Welt, als seine Zeit da war. Der Meister ging aus dieser Welt, als seine Zeit erfüllt war.” Schließlich werden das Leben und der Tod als anschließende Phasen der Transformationen der Natur interpretiert.

Sterben ist das Sein, das man nicht vermeiden kann, ist der Übergang, zwischen Leben und nicht mehr leben. Trotz der unterschiedlichen Anschauungen der Sterblichkeit akzeptiert man im Osten und Westen Sterben gemeinsam als Gelassenheit, weshalb man nach dem Tod die Ruhe und den Frieden sucht. Auf dieser Dimension sind wir uns alle einig.